Um Ostern herum hatte sich Kai dieses Buch über das Grüne Band gekauft (Das Grüne Band – der Süden von Anne Haertel). Schon lange schlummerte in uns der Gedanke den ehemaligen deutschen Grenzweg zu erlaufen und gemeinsam mit unseren Kindern diesen Teil der Deutschen Geschichte ganz nah und in „echt“ zu erfahren. Und wir bekamen, was wir uns wünschten: wir kamen ins Gespräch mit Menschen, die die Teilung und das Auseinanderreißen von Dörfern miterlebt hatten. Menschen, die Freunde, Bekannte und Verwandte 40 Jahre lang nicht gesehen oder gehört haben und dachten der andere sei tot. Und wir trafen Menschen, die sich freuten, dass wir diesen Weg wanderten, um unseren Kindern zu erklären, wie wichtig Frieden und Freiheit sind. Unsere Wanderung durch die Hochrhön war mehr als nur ein Mikroabenteuer mit Geschichtsanteil – sie war auch eine Zeitreise in den heute nur noch schwer greifbaren Zustand des Kalten Krieges ausgetragen mitten in Deutschland… Wir wanderten also entlang des ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifens, heute bekannt als Grünes Band, von Birx nach Tann – über Höhen, durch Wälder über blühende Wiesen mit gigantischem Fernblick und mitten hinein in die Natur.
Erste Etappe ab Birx: der Grenzweg ruft
Unsere Tour begann im kleinen Ort Birx, einem typischen Rhöndorf direkt an der hessisch-thüringischen Grenze. Wir übernachteten mit ausdrücklicher Erlaubnis auf der Wiese eines älteren Mannes, den wir bei einem Gespräch über seine Puten kennen lernten. Am nächsten Morgen parkten wir unseren Bus, setzten die Rucksäcke auf und liefen los. Schon nach wenigen Schritten betraten wir den historischen Grenzweg, auf dem früher DDR-Grenzsoldaten patrouillierten. Die typischen Betonplatten unter unseren Füßen erinnerten an die Vergangenheit, während die Natur um uns herum in voller Blütenpracht im Hier und Jetzt stand. Eine Vielfalt an Schmetterlingen, Bienen und allerlei spannender Insekten begleiteten uns. Immer wieder naschten wir Massen an reifen Himbeeren die rechts und links vom Weg wuchsen. Aber Vorsicht: es können immer noch Minen abseits des direkten Grenzweges sein!
Richtung Ellenbogen: Rutschen mit Aussicht an Noahs Segel
Der Weg führte uns über weite Hochflächen mit atemberaubenden Fernblicken bis zum Ellenbogen, einer der höchsten Erhebungen der Thüringer Rhön und dem ehemaligen „Pendant“ zur Wasserkuppe – politisch gesehen. Dort steht Noahs Segel, ein moderner Aussichtsturm mit einer spektakulären Rutsche – natürlich ließen wir uns den Spaß nicht entgehen! Der Blick über die Rhönlandschaft war schlicht überwältigend und der Wind bließ uns fast von der Plattform…
Eisenacher Haus und Thingplatz
Nicht weit von Noahs Segel entfernt liegt das verlassene Eisenacher Haus – ein leerstehendes Gebäude, das seltsam still und vergessen am Wegesrand liegt. Ein Ort, der viele Fragen aufwirft und durch sein Aussehen in uns Erinnerungen an eine andere Zeitepoche weckte. Im Kalten Krieg diente das Eisenacher Haus als Unterkunft und Stützpunkt für DDR-Grenztruppen und lag im streng überwachten Sperrgebiet nahe der innerdeutschen Grenze. Wir liefen weiter durch moosige Wälder und weitere Himbeerfelder. Nächster Stopp sollte der geheimnisvolle Thingplatz sein, einer alten Versammlungsstätte, die wir uns riesig und weitläufig vorstellten. Fast wären wir dran vorbeigelaufen. An einer alten Eiche erinnerte nur noch ein kleines Schild daran. So weit liegen manchmal Vorstellung und Realität auseinander…Da der Bus zurückgelassen in Birx stand, suchten wir uns ein gemütliches Nachtlager im Wald und erlebten eine wunderschöne Nacht. Auf Moos gebettet und ziemlich erschöpft vom Tag schliefen wir noch vor Sonnenuntergang ein.
Spuren der traurigen Vergangenheit: die letzte geschleifte Mühle
Am nächsten Morgen regnete es pünktlich zum Aufstehen, doch alles Abwarten half nicht – wir packten zusammen und wanderten tapfer weiter und der Regen hörte tatsächlich auf (erstmal). Das grüne Band führte uns weiter zu der Stelle, wo einst die letzte Mühle der Region geschleift wurde (das „Schleifen der Mühlen“ in der DDR bezeichnete die gezielte Zerstörung grenznaher Gebäude – wie Mühlen, Höfe oder Siedlungen – um Sichtlinien für die Grenztruppen zu schaffen und Fluchtversuche zu verhindern) – ein trauriges Zeugnis der Grenzgeschichte. Nur noch ein Schild und ein paar Fundamentreste erinnern an das, was einmal war.
Höhenweg bis zum Dietgeshof – und ein Gewitter-Finale
Auf dem letzten Abschnitt nahmen wir den Höhenweg bis zum Dietgeshof in Tann. Der Himmel zog sich zu, dunkle Wolken türmten sich auf – und dann kam es, wie es kommen musste: ein Gewitter überraschte uns circa 3 Kilometer vor dem Ziel. Wir wurden klatschnass, bis auf die Haut. Wir wussten, es war nicht mehr weit bis zum Ziel und so nutzten wir eine Starkregenpause, um die letzten 2 Kilometer zu laufen, trotz der Widrigkeiten. Wir waren so glücklich, als wir schließlich die Apfelweinstube des Dietgeshofs in Tann erreichten. Drinnen warteten Wärme, ein herzlicher Empfang durch die Wirtin und ein warmes Getränk auf uns. Unsere Kleidung trocknete langsam, während wir auf das Erlebte zurückblickten und den anderen Gästen davon erzählten.
Fazit: Wanderung auf dem Grünen Band – Natur trifft Geschichte
Die Wanderung durch die Rhön auf dem Grünen Band ist eine eindrucksvolle Mischung aus Naturerlebnis, Grenzgeschichte und (auch ein bisschen) echtes Abenteuer. Wer etwas abseits der Zivilisation die Weite der Landschaft und den Hauch vergangener Zeiten sucht, wird auf diesem Weg fündig – und belohnt. Und auch wer die Strecke mit dem Bus/Reisemobil macht, wird sicher vieles wiederfinden was wir beschrieben haben. Wir werden sicher noch weitere Etappen des Grünen Bandes erlaufen…irgendwann.
Tipps für deine Wanderung auf dem Grünen Band in der Rhön (Route aus Das Grüne Band – der Süden von Anne Haertel):
- Etappe: Birx – Ellenbogen – Tann
- Länge: ca. 20–25 km (je nach Route)
- Highlights: Grenzweg, Noahs Segel, Thingplatz, Eisenacher Haus, Dietgeshof
- Tipp: Thüringer Rhönhaus (ca 1,5 Kilometer Umweg) ideal für eine Mittagspause
- Ausrüstung: Wetterfeste Kleidung, Karte oder GPS, ausreichend Wasser(!!!)
- Übernachtung: Offizielle Camping-/Zeltplätze (z.B. Weidberg Camping) oder Biwak-Optionen (mit Rücksicht auf Natur und Regeln)





